Insolvenz - Die mentalen Auswirkungen auf den Unternehmer
Es war an einem Sonntagabend, Ende 2022. Ich saß Zuhause an meinem Schreibtisch. Versuchte zu arbeiten. Aber alles wozu ich fähig war: meinen Bildschirm anzustarren. Schockstarre. Wenn ich mich fokussieren wollte, kam sofort wieder die Frage:
Wie soll ich mit dieser Situation klarkommen?
Gerade hatte ich ein Telefonat mit meinem Anwalt beendet. Das Ergebnis war klar: Ich musste sofort Insolvenz anmelden, sonst würde ich mich strafbar machen.
Das wollte ich nicht. Beides nicht.
Insolvenz war für mich das Schlimmste, das passieren konnte. Ich dachte, wenn ich diesen Schritt gehe, würde das Brot und Wasser und nicht viel mehr für die nächsten Jahre bedeuten.
Genauso wenig wollte ich vorbestraft sein. Wegen ein paar Tagen oder Wochen, in denen ich meine Augen vor der Realität noch hätte verschließen können.
Wieder eine Entscheidung, die mein Leben verändern wird. Meine Illusion war zu diesem Zeitpunkt noch, dass es wirklich eine Entscheidung war, die ich selbst traf.
Am nächsten Morgen informierte ich meinen Steuerberater. Auch bei seinem Arbeitgeber, der Kanzlei, hatte ich noch hohe Außenstände, die ich nicht mehr begleichen konnte.
Kurz darauf erhielt ich eine E-Mail des Kanzleiinhabers. Ich hatte zu ihm eigentlich ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis, war einige Male mit ihm Essen gewesen. Wir waren auf einer Wellenlänge.
Ich weiß auch nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht Aufmunterung. Hilfe. Ein Wort des Mitgefühls. Aber die E-Mail enthielt nichts davon.
Stattdessen musste ich lesen, wie er mich fast schon beschimpfte.
Dass man das alles anders hätte regeln können.
Dass er einen Weg gewusst hätte, wie ich zumindest seine Rechnungen noch begleichen hätte können.
Er schloss sinngemäß mit den Worten:
„Sie sind eine herbe Enttäuschung! Aber dann ist das wenigstens das Ende einer Täuschung.“
In diesem Moment war mir klar, dass mein Leben so wie ich es kannte, vorbei war. Dass sich viele viele Menschen von mir abwenden werden. Dass ich unerwünscht war.
Dass ich zumindest in diesem Kreis gezeichnet und stigmatisiert sein würde bis ans Ende meines Lebens.
Natürlich geht ein solches Ereignis nicht unbemerkt über die Bühne. Mitarbeiter sind zu informieren, dass sie ihre letzten Gehälter nicht vom Unternehmen bezahlt bekommen, sondern dass sie diese bei der Agentur für Arbeit anfordern müssen.
Lieferanten sind zu informieren, dass die offenen Verbindlichkeiten nicht bedient werden können.
Kunden sind zu informieren, dass sie vorausgezahlte Heimrechnungen nicht zurücküberwiesen bekommen.
Die Fachöffentlichkeit bekommt es mit, weil in einschlägigen Zeitschriften darüber berichtet wird.
Kurz danach gingen die Geschichten und die Begründungen los:
Das war ja klar, das das so kommt. Haben ich immer gewusst, dass der das nicht kann. Das war von Anfang an der logische Schluss.
Wenn man so schlecht arbeitet wie er, ist das ja logisch, dass das in der Insolvenz endet.
Der Pleitegeier hat die Leute um ihr Geld gebracht.
Er hat einfach über seine Verhältnisse gelebt. Anstatt das Geld seinen Mitarbeitern und Lieferanten zu geben, ist er lieber in den Urlaub gefahren.
Dem kann man nicht mehr trauen, der zieht einen über den Tisch.
Das ist ein Betrüger, er gehört ins Gefängnis.
Der ist hier bei uns nicht mehr willkommen, er soll sich gar nicht mehr blicken lassen!
Das sind nur ein paar der Sätze, die ich gehört habe.
Als Unternehmer sitzt Du in dieser Situation einfach nur da und kannst nichts Anderes tun als zu ertragen.
Augen zu und durch würden manche sagen. Ohren und Gedanken - das trifft es besser. Aber das ist gar nicht so einfach in diesem Moment.
Denn Du übernimmst diese Sätze als Deine Gedanken. Du sagst Dir das selbst jeden Tag. Alles. Immer und immer wieder. Und Du dichtest hinzu!
Von diesen Sätzen oben wurde mir nur einer tatsächlich ins Gesicht gesagt. Alle anderen sind Sätze aus meinen unzähligen Selbstgesprächen. Selbstvernichtungsgespräche trifft es besser.
Es ist ein wahrer Kern dran.
Wenn man als Unternehmer wirklich alles richtig macht, kommt nicht in eine solche Situation. Und falls man dann doch in eine solche Situation kommt, kommt man selbst und die meisten anderen gut wieder heraus.
Aber welcher Unternehmer macht schon alles richtig? Es ist kein Geheimnis. Kein Unternehmer macht alles richtig. Kein einziger.
Unternehmertum ist das Suchen und Eingehen von Risiken mit der Zuversicht, diese in Erfolgen enden zu lassen.
Und das geht selbstverständlich nicht immer gut.
Manche Risiken gehen schief, und man lernt daraus.
Andere Risiken gehen schief und sie brechen einen!
Die Wahrheit ist aber auch, obwohl ein wahrer Kern an diesen ganzen (Selbst-)Vorwürfen ist, so sind sie niemals der alleinige Grund, warum etwas schief geht. Denn wenn ein System über zehn Jahre funktioniert, braucht es äußere Faktoren, um es ins Wanken zu bringen.
Diese äußeren Umstände können ein Nachfragerückgang sein, eine veränderte Konkurrenzsituation oder, wie in der Pflege alltäglich, das mangelnde Personal.
Diese Umstände zerschießen Dir jeden Optimismus, jede Zuversicht, jede Planung und auch jede Rücklage, die Du vielleicht gebildet hast.
Und obwohl der Markt immer mitverantwortlich ist, zahlt er keinen Preis. Den Preis zahlen immer andere!
Kunden, die gezahltes Geld nicht wiederbekommen.
Lieferanten, die ihre Rechnungen nicht bezahlt bekommen.
Vor allem aber der Unternehmer selbst!
„Der hats ja auch verdient“ höre ich die Missgünstlinge schon wieder schreien. Also die imaginären in meinem Kopf jedenfalls.
Natürlich ist es notwendig und auch richtig, dass ein Unternehmer, dessen Unternehmen nicht mehr funktioniert, einen gewissen Preis dafür bezahlt. Dafür hatte er in guten Zeiten auch gut gelebt.
Aber drei Jahre lang kleinere Brötchen backen, Geld abgeben, bescheiden leben - das ist nicht der Preis, von dem ich rede.
Der Preis, den ich meine, wird auf mentaler Ebene bezahlt.
Der Unternehmer verliert oft genug den Glauben an sich selbst. Den Respekt vor sich selbst. Und am schlimmsten ist es, dass er die Achtung vor sich selbst verliert.
Für mich wurde in dieser Situation die Frage „Was habe ich nur getan?“ zum ständigen Begleiter. Bei jedem Blick in den Spiegel, in jedem ruhigen Moment kam diese Frage wieder hoch. Und ich wusste keine Antwort darauf.
Ich kam in eine Schuld- und Scham-Spirale. Machte mir Vorwürfe, dass ich alleine schuld war an dem ganzen Dilemma.
Mir war völlig klar: Erfolg war für mich nicht mehr erlaubt. Im Gegenteil. Ich war verpflichtet zu leiden.
Dinge mussten auf einmal schief gehen, damit ich mir beweisen konnte, dass wirklich ich das alles verbockt hatte.
So torpedierte ich unterbewusst Erfolge, die mich in der Spur gehalten hätten.
Wenn der Unternehmer dann, wie ich, auch noch mit der Branche gebrochen hat, diese verlassen will, so begibt er sich nicht selten auf eine Reise der Selbstfindung. Aber nicht durch Einkehr, wie dies normalerweise der Fall ist. Sondern durch wahl- und zielloses Umherstreifen.
Eine Geschäftsidee jagt die andere, mehrfaches Ändern des LinkedIn Profils, neue Instagram-Konten. Alles irgendwie anteasern. Wenn nicht sofort der erste Kunde da war, gleich etwas Neues ausprobieren.
Rastlosigkeit, gehetzt sein. Panikmodus pur.
All das gepaart mit dem Gedanken: „Ich habe mir schon bewiesen, dass ich kein Unternehmen führen kann“. Was immer und immer wieder dazu führt, dass auch die neuen Ideen nicht funktionieren.
Was sich der Unternehmer schafft, ist ein Endlossystem aus sich selbst erfüllenden Prophezeiungen.
Mein Appell an dieser Stelle gilt nicht den Gläubigern, die auf Geld sitzen bleiben. Sie haben alles Recht dazu, sauer zu sein, enttäuscht zu sein.
Ich richte mich an das direkte Umfeld des Unternehmers. Und auch an den Unternehmer selbst.
Eine Verurteilung von außen hilft niemandem. Es bringt kein Geld zurück, es macht Fehler und Konsequenzen nicht ungeschehen. Es verlängert das Leiden ins Unendliche.
Seid nachsichtig! Das kann man als Nicht-Unternehmer nicht nachvollziehen. Der Unternehmer ist ins Risiko gegangen, hat Dinge ausprobiert. Das liegt schon im Wortstamm begründet. Ein Unternehmer unternimmt Dinge. Versuche. Er probiert Neues aus, oder Bewährtes auf eine neue Art und Weise. Das ist immer mit Risiko verbunden.
Und es reicht ein Fehler, oder ein einziger externer Umstand, damit die Unternehmung schiefgeht. Es ist nicht die Konsequenz, die der Unternehmer gewollt oder gar provoziert hat. Es ist der letzte Ausweg, der ihm geblieben ist.
Die schlimmste Konsequenz, die er bereit war und ist zu tragen.
Anstatt ihn zu verurteilen und zu stigmatisieren gibt es nur eines, das wirklich hilft:
Die einfache Frage: Wie geht es Dir? Wie kann ich Dir helfen?
Denn eines ist sicher: Die, die in dieser Phase an seiner Seite sind und ihm auch nur ein offenes Ohr ohne Vorurteile bieten, an die wird er sich immer erinnern.
Heute sitze ich hier und schreibe diese Zeilen. Auch nach fast drei Jahren sind sie noch eine emotionale Achterbahnfahrt. Auch nach drei Jahren bin ich noch nicht durch mit Selbstvorwürfen und Scham und Schuld.
Aber ich baue an meiner Zukunft. Ich arbeite daran, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Während alle Gläubiger und Enttäuschten schnell ihr normales Leben weiterführen konnten, vielleicht Ausbuchungen machen mussten und nach kurzer Zeit durch waren.
Ich sitze hier, wir, die wir das durchgemacht haben, sitzen hier und haben die Emotionen, die Ängste und Sorgen, die Hoffnungslosigkeit schlafloser Nächte noch genau in Erinnerung und durchleben sie immer und immer wieder.
Wir sind gebrannte Kinder. Auch wenn sie schwächer wird, bleiben diese Phasen ein ständig präsenter Teil unseres Lebens.
Seid nachsichtig.